Please reload

Recent Posts

Die schönsten Seiten des Verlags

October 21, 2019

1/10
Please reload

Featured Posts

Adventasy - Türchen 3: Florian Albrod und das Unweihnachtliche

December 3, 2018

Das vollkommen unweihnachtliche Abenteuer, von dem ich in diesem Blogbeitrag erzählen möchte, begann mit einer Lesung im Deutschen Schauspielhaus. Leider nicht mit meiner eigenen (ich arbeite noch daran), dafür jedoch mit der von Christian Kracht. Wie die meisten Zuhörer an jenem Abend stand ich nach der Veranstaltung in einer langen Warteschlange, um mir von dem Literaten ein Buch signieren zu lassen. Draußen war es schwarz und kalt, und drinnen auch, denn bei dem Buch handelte es sich um „Die Toten“. Hinter mir konnte ich zwei besonders fanatische Kracht-Jünger hören, die sich darüber unterhielten, dass viele Protagonisten des Autors abgekaute Fingernägel hätten. Schon plante einer der beiden, einen prüfenden Blick auf des Verfassers eigene Hände zu werfen, während dieser seinem Freund ein Autogramm gab. Das wäre per se schon eine unweihnachtliche Geschichte, aber es ist nicht diejenige, die ich erzählen möchte, und ihr Ende habe ich auch nicht erlebt. Außerdem hat Kracht mich zu sehr beeindruckt, um auf seine Hände zu achten.

 

Für mein Abenteuer ist die Lesung vor allem deshalb relevant, weil sie der U-Bahn die nötige Zeit verschaffte, in einen Unfall zu geraten. Vom Schienenersatzverkehr erfuhr ich erst, als ich bereits an mehreren Bahnsteigen einen Einblick ins Nachtleben erhalten hatte – besonders eindrücklich war hier ein Jugendlicher, der beiläufig gegen alles (und jeden?) trat und spuckte, das sich in seiner Reichweite befand. Vielleicht wollte er sein Revier abstecken.

 

Das eigentliche Unglück nahm jedoch seinen Lauf, als ich am dritten Bahnhof ankam. Besser gesagt: Es nahm Fahrt auf, denn dort wartete ein Taxi auf mich. Der Wagen hatte schon von außen etwas Verdächtiges an sich, wirkte alt und schäbig, und die Fahrer, die dahinter in einer Reihe an ihren Autos lehnten, schienen wissend zu grinsen, als ich bei ihrem Kollegen einstieg.

 

Von besagtem Kollegen habe ich kein klares Bild mehr im Kopf, aber ich habe mir damals eine Notiz gemacht, auf der steht, er hätte ausgesehen wie Helmut Karasek, genauso alt, aber kräftiger, was hier kein Euphemismus sein soll. Da ich kein Bargeld bei mir hatte, bat ich ihn, zunächst bei einer Bankfiliale vorbeizufahren. Es folgte der übliche Small Talk, in dessen Rahmen ich dem Mann erzählte, dass ich evangelische Theologie studiere. Der geriet daraufhin ganz außer sich und bekannte sich zum „Descartes’schen mathematischen Realismus“. Ich würde in Konjunktiven denken, erklärte er mir aufgebracht, während er im Indikativ lebe! Mehrfach wollte ich darauf antworten, doch in den nächsten zehn Minuten kam ich nicht mehr zu Wort. Wann immer ich anhob, etwas zu sagen, stieß mich der Taxifahrer seitlich mit dem Ellenbogen an und schnitt mir das Wort ab. So ging es eine Weile weiter, bis schließlich die Bankfiliale neben uns auftauchte. Der Wagen wurde langsamer, der Fahrer suchte in der Dunkelheit nach einer Parklücke, und dann machte ich einen Fehler und sagte: „Danke, aber bevor ich aussteige, muss ich noch kurz etwas erwidern.“

 

Der Taxifahrer hielt nicht. Stattdessen beschleunigte er wieder. „Ich habe erkannt“, sagte er feierlich und sah mich an, „dass man mit Ihnen diskutieren kann. Ich habe mich von allen gesellschaftlichen Zwängen befreit und gehöre jetzt ganz Ihnen. Ich fahre Sie, wohin Sie wollen.“

 

Eigentlich wollte ich zur Bank, von der er gerade wieder wegfuhr, aber jetzt war meine Liebe zum Diskutieren geweckt, und ich fand das Angebot des Mannes angenehm skurril. Ich nannte ihm eine andere Bank als Ziel, und während wir durch die schlafende Stadt fuhren, versuchte ich, das mulmige Gefühl zu ignorieren, dass ich die Kontrolle über die Situation verloren hatte.

 

Tatsächlich hielt das Taxi einige Zeit später wie vereinbart an der nächsten Bank. Hier schaltete der Fahrer mitten auf der finsteren und menschenleeren Straße den Motor ab und fing an, mit mir zu philosophieren. Endlich kam auch ich dazu, etwas zu sagen, und im Gespräch erwies sich der Mann als intelligent und gebildet. Irgendwann fragte er mich, ob er sich eine Zigarette anzünden dürfe, und fing an, neben mir im Auto zu rauchen. Er hatte die erste Schachtel aufgebraucht, als in der Ferne ein Polizeiauto auftauchte.

 

Sofort wurde der Taxifahrer nervös. „Scheiße, die Bullen“, zischte er. „Die haben mich schon einmal ermahnt, weil ich auf der Straße gestanden habe. Steig mal schnell aus und geh in die Bank, dann sieht das so aus, als würden wir hier etwas machen.“

 

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, denn so originell die Fahrt verlaufen war, wollte ich langsam nach Hause, und meine Wohnung befand sich inzwischen in Fußwegnähe. Ich lief unter einer längst ausgeschalteten Ampel hindurch in die Bankfiliale, in der hell die Neonröhren flackerten, und hob Geld ab, wobei ich darüber nachdachte, wie ich mich verabschieden sollte.

 

Wieder beim Taxi angekommen öffnete ich die Beifahrertür, lehnte mich in den Wagen und fing an, in meinem Portemonnaie zu wühlen, doch der Fahrer schien ein Ende des Gesprächs nicht zu dulden. „Steig ein, Mann!“, donnerte er. „Nein“, erwiderte ich – und tat es dann doch, was ich immer noch bereue.

 

In der Theorie weiß man, was richtig ist, wie man in gefährlichen Situationen zu handeln hat und wo im Zweifel Skrupellosigkeit erforderlich ist. In der Realität habe ich aus lauter nichtigen Gründen falsch gehandelt – weil hinter uns plötzlich Verkehr aufkam und ich immer noch mit einem Bein auf der Straße stand, weil ich noch nicht bezahlt hatte und Ehrlichkeit eine so fundamentale Tugend ist, dass ich nicht einmal daran dachte, einfach wegzulaufen, und nicht zuletzt auch, weil sich der Taxifahrer nicht nur als Meister des Konjunktivs und des Indikativs, sondern auch des Imperativs herausstellte und mich plötzlich anbrüllte: „Mach die Tür zu! Mach die Tür zu!“

 

Zu meiner Verstörung musste ich feststellen, dass ein aggressiver Befehlston im ersten Moment schrecklich überzeugend wirkt, und ab da hatte ich Angst. Das Taxi setzte sich jetzt wieder in Bewegung und fuhr langsam durch die Nacht. Von nun an konnte ich fast gar nichts mehr sagen; der Taxifahrer wurde immer aufbrausender und lauter, fuhr mir über den Mund, gestaltete unsere Diskussion nach Regeln, die nur er zu verstehen schien, und empfahl mir wiederholt einen mysteriösen Krishna, der sich anscheinend dadurch ausgezeichnet hatte, dass er keine eigenen Dogmen aufgestellt, sondern seinen Anhängern unvoreingenommen zugehört hatte. Bei meinem Fahrer schien das paradoxerweise auf taube Ohren gefallen zu sein.

 

Zumindest seine Augen funktionierten jedoch gut genug, um mich – ein großes Glück – zu meiner Wohnung zu fahren. Damit war meine Gefangenschaft jedoch noch nicht beendet. Eine weitere Dreiviertelstunde saßen wir vor dem Haus im Auto; der Mann monologisierte und rauchte die nächste Schachtel Zigaretten. Mehrfach versuchte ich (zu allem höflich nickend) den Griff der Tür zu