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Adventasy - Türchen 4: Robert von Cube und die Schreibzeit

December 4, 2018

 

Wie ich das machen würde, fragen mich manchmal die Leute, neben meinem Vollzeitjob noch zu schreiben – Kurzgeschichten, Romane, Satire, Blogartikel. Dann auch noch einen Podcast zu betreiben. Im ärgerlichen Fall schwingt unausgesprochen oder gar wortwörtlich der Vorwurf mit: Du hast wohl zu viel Zeit.

 

Nein, zu viel Zeit habe ich nun wirklich nicht, das Gegenteil ist der Fall. Die Zeit zu finden und mit den verschiedenen Projekten zu jonglieren, ist ein permanenter Kampf. Und mich überhaupt zur Produktivität zu erziehen, hat Jahrzehnte gedauert. Ungefähr eineinhalb Jahrzehnte. Zwar habe ich als Kind in der Schule schon gerne geschrieben, aber der Gedanke, das konsequenter zu machen, vielleicht sogar irgendwann ein Buch zu veröffentlichen, der kam mir in der Oberstufe, als ich eines Tages ohne besonderen Auslöser eine Fantasy-Szene in meinen Vobis-PC tippte. Vielleicht war die Motivation sogar wirklich, „irgendwas mit diesem Computer“ zu machen. Jedenfalls kam ich dann auf die fixe Idee, diese Szene als Einstieg in ein Fantasy-Epos zu verwenden. Ich spielte ja Rollenspiele und mochte den Herrn der Ringe und sowieso fängt ja jeder Mensch im Laufe seines Lebens irgendwann ein Fantasy-Epos an.

Die nächsten Jahre verbrachte ich damit, darüber nachzudenken, wie toll das wäre, wenn ich dieses Buch fertig schriebe. Naja, und von Zeit zu Zeit setzte ich mich auch wieder dran und ich kam ein kleines bisschen vorwärts und gewann ein kleines bisschen Erfahrung.

Aber vielmehr als das Schreiben begleitete mich das Ärgern darüber, nicht zu schreiben. Und je mehr ich mich ärgerte, desto dringlicher fühlte sich der Wunsch an, es doch zu tun. Denn es machte mich wirklich glücklich, wenn ich mal was zusammenbekam und ich spürte sehr deutlich, dass das Schreiben und ich zusammengehören. Aber ich litt – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes – unter der Prokrastination.

Was mir half, unter anderem, war etwas, das ich „produktive Prokrastination“ getauft habe. Ich habe mir nämlich angewöhnt, mich wenigstens mit Dingen zu beschäftigen, die mich in Richtung meines Zieles führten, wenn ich schon nicht schrieb. Dazu gehörte es, Schreibratgeber zu lesen und, ganz wichtig, Podcasts zu hören. Besonders sind hier „die Schreibdilettanten“ und „Writing Excuses“ zu nennen, die beide hunderte von Folgen umfassen. Und da ich mittlerweile arbeitete und pendeln musste, konnte ich mich täglich mit der Schriftstellerei auseinandersetzen, während ich im Stau stand. Denn Schreiben ist ein Handwerk und man muss es üben, aber man muss auch die Theorie lernen.

Produktive Prokrastination kann auch bedeuten, sich mit technischen Hilfsmitteln auseinanderzusetzen. Wenn ich schon nicht tippe, kann ich wenigstens, statt am Computer zu spielen, am Computer Schreibsoftware erkunden, Mindmaps basteln, Karten für meine Welt erstellen.
 

Und irgendwann war der Punkt erreicht, wo es mir reichte und wo ich keine Ausreden mehr fand. Meine berufliche und familiäre Situation bedingten, dass ich mich ganz offensichtlich zu entscheiden hatte: Entweder, das Schreiben bekam in meiner verbliebenen Freizeit Priorität, oder ich musste es mir abschminken. Als Student oder Zivi hatte ich noch zu viel Zeit. Da lauerte immer die Möglichkeit, heute mit Kumpels abzuhängen und genauso gut morgen zu schreiben. Immer morgen. Aber jetzt war klar: Wenn ich in einer Band sein will, wenn ich Filme gucken will, wenn ich Computer spielen will, wenn ich zeichnen will, dann bedeutet das, dass ich nicht schreibe.

Mir hat dann auch der NaNoWriMo sehr geholfen. Ich habe gelernt, dass ich kleine Zeitinseln in meinem Alltag finden kann und dass man einiges zusammenbekommt, wenn man sie nur konsequent nutzt. Ein Text entsteht nicht, weil man einmal von der Muse geküsst in einem Rausch stundenlang tippt, sondern weil man Tag für Tag daran arbeitet und am Ende die Summe vieler, vieler Teile hat. 

Wie mache ich es also? Ich stelle abends einen Wasserkocher, eine 0,5-Liter-Ikea-Tasse und ein Glas Nescafè auf meinen Schreibtisch. Ich tue drei Löffel Kaffee in den Becher. Ich aktiviere mein Keyboard-Maestro-Makro „Schreibroutine“, das mir alle Programme außer Scrivener runterfährt und mein aktuelles Scrivener-Projekt im ablenkungsfreien Modus öffnet. Dann gehe ich ins Bett. Um fünf Uhr geht mein Wecker (ich benutze den Wecker an meinem Telefon, schalte aber vor dem Schlafen den Flugmodus an, damit ich auf keinen Fall irgendwelche Benachrichtigungen sehe, wenn ich morgens das Gerät in die Hand nehme). Ich gehe sofort zu meinem Schreibtisch. Jetzt, im Winter, wickele ich mich in meine opa-hafte Wolldecke mit Ärmeln. Ich stelle den Wasserkocher an, starre stumpfsinnig vor mich hin, bis es brodelt, dann gieße ich den Kaffee auf, nehme ein paar Schlucke und fange an zu tippen.

Zu diesem Zeitpunkt ist mein Gehirn noch gar nicht in der Lage, Widerstand zu leisten. Das bedeutet auch, dass der berüchtigte innere Zensor noch nicht wach ist. Der Zustand um diese Zeit ist noch sehr nah dran am Träumen, die Fantasie ist rege. Wenn alles gut läuft, tippe ich jetzt ein bis zwei Stunden. Kein E-Mail-Programm, kein Facebook ist offen. Kritisch wird es, wenn ich etwas recherchieren muss, dann droht der magische Zustand schnell zu zerbröseln. Natürlich gibt es ohnehin Zeiten, in denen ich nicht tippen kann, sondern überarbeiten oder recherchieren muss. Manchmal nutze ich diese Zeit auch, um die neueste Folge des Podcasts zu schneiden. Im Ausnahmefall auch, um Texte für Kollegen zu lesen. Aber eigentlich ist mein Ideal, diesen Moment, in dem noch alle anderen schlafen, in dem es still und dunkel ist und ich ganz alleine bin, mit meiner Inspiration, diesen Moment nur zum Schreiben zu nutzen.

Es fällt mir nicht leicht, so früh aufzustehen, aber ich habe mich einfach daran gewöhnt. Zumal ich mich tatsächlich so darauf freue, dass ich mich eben überwinde. Ein Frühaufsteher war ich nie. Aber ich musste erkennen, dass ich abends nicht mehr schreiben kann, da habe ich einfach zu viel im Kopf, da bin ich zu müde und ausgelaugt und abgelenkt. 

Der zweite Zeitpunkt am Tag ist die Mittagspause. Wenn mein Arbeitstag es zulässt, setze ich mich mittags für 30 Minuten in einen nahegelegenen Bäcker, hole mein iPad heraus, und schreibe weiter. Weil ich ja jeden Tag an meinen Texten sitze, brauche ich kein „reinkommen“. Früher dachte ich immer, ich müsste ewig die Muse wecken, müsste das bereits Geschriebene erst noch mal lesen und solchen Unfug. Ich weiß doch, was da steht, ich habe das ja selber geschrieben. Also weg mit solchem Firl