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Adventasy - Türchen 12: Fabian und die Schreibmaschine

December 12, 2018

Lust zu schreiben; man möchte meinen, jeder Autor sei davon geradezu dauerbesessen. Es ist doch gerade die Eigenart der Künste zu experimentieren, Grenzen auszuloten, frische Techniken und Werkzeuge zu entdecken und alte originell zu interpretieren, also den Prozess des Kreierens immer wieder neu zu gestalten und zu verfeinern. Oder meint jemand, Queen hätten Bohemian Raphsody komponiert, indem sie dieselben alten Instrumente auf dieselbe alte Art und Weise gespielt hätten? Transportiert das Stück nicht gerade die Ekstase und genauso die Schwierigkeit eines künstlerischen Prozesses, der so gut auch hätte schief laufen können? Ja! Das macht Bohemian Raphsody aus - und Queen ganz im Allgemeinen. Die Lust am Musizieren! Schriftsteller muss es doch sehr ähnlich gehen, oder?

 

Aber hier mag man sich täuschen. Kommt das Thema auf den Tisch, begegnet auffällig häufig der Satz: »Ich liebe das Gefühl, geschrieben zu haben.« Eine in gewisserweise irritierende Äußerung. Geschrieben zu haben - das Verb steht im Perfekt, die Handlung ist zwar noch irgendwie Teil der Gegenwart, doch schon abgeschlossen, halb in der Vergangenheit. Heißt dass etwa, solche Autoren schreiben ungern? Sind sie einfach froh, wenn es vorbei ist?

 

»Das entspricht nicht der Wahrheit!«, reagiert dann ganz instinktiv der Erzähler von Beruf. »Ich bin Autor, ich liebe das Schreiben!« Wäre ja auch zu blöd, die zentralste Praktik unseres Arbeitsfeldes derart zu hassen. Ich verstehe den hastigen Widerspruch, der da sofort kommt und den ich hier in arg versimpelter Weise zusammenfasse, um zu meinem Punkt hinzuführen: »Was meinst du denn genau mit dem Schreiben?« Es stellt sich raus, das auf zwei durchaus unterschiedliche Arten geantwortet werden kann. Da kann »Schreiben« einfach ein Synonym für »Erzählen« sein oder man meint damit - und das ist mir grad viel wichtiger - den tatsächlichen Prozess etwas (aufzu-)schreiben.

 

Heute heißt das zumeist: Auf einer Plastiktastatur möglichst geschickt, schnell und mit einiger Gewohnheit die rechten Tasten zu drücken, so dass sich auf dem Flimmerkasten vor einem Buchstabenketten bilden, die zuerst nur Einzelwörter sind, sich dann zu Sätzen formen und hoffentlich bald als ganzer Text münden. Das fühlt sich völlig natürlich an (gerade für unsere Generation) ... und scheint gleichzeitig absolut optionslos. Selbstverständlich wird die eine oder andere Idee handschriftlich festgehalten und mancher mag sich auch mal mit dem Smartphone ein Memo aufnehmen, aber zuletzt endet man doch wieder vor dem Computer.

 

 Vergessen sind die Kulturtechniken des Zeitalters vor der umfassenden Digitalisierung aller Lebensbereiche. Der laute Anschlag der Schreibmaschine ist verhallt - das Kratzen von Kugelschreiber und Füllers reduziert sich auf Textanmerkungen, Einkaufslisten, Vertragsunterschriften und Geschreibsel in Notizen - schweigen wir an der Stelle mal von Feder und Pergament, des Ritzens in Wachstafeln und ähnlich uralter Praktiken. Fast könnte sich der Verdacht ergeben, es gäbe die unglaubliche Vielfalt der Schreibinstrumente gar nicht. Denn wer hat zuletzt einen Text geschrieben und dabei erstmal nur solche Medien eingesetzt? Das wird nur eine kleine Zahl bejahen.

 

Mich macht das traurig.

 

Da geht etwas verloren, von dem ich glaube, dass zum Teil nützlich sein könnte für jeden, der sich damit auseinandersetzt mit Textsprache einen Gedanken, eine Geschichte oder andere Arten von Prosa festzuhalten. »Ja ja, früher war alles besser!«, ist ein gehässig ironischer Reflex auf diese Aussage - beziehungsweise noch die von mir bewusst im Ton abgemilderte Reaktion, die einem durchaus begegnet. Lieber ist mir da die freundlich gemeinte Variante: »Du bist ja ein ziemlicher Romantiker.« Stimmt wohl. Kann ich nicht leugnen. Ich mag alten Kram. Leider aber an dem Punkt vorbei, den ich machen will. Vermutlich ist es halt einfach, schön ein »Hipster«-Label draufzukleben, die Debatte damit zu beenden und sich wieder hübsch in seine gemütlichen Vorurteile zurückzukuscheln, wenn man jemanden heutzutage mit einer Schreibmaschine werkeln sieht. Ähnliches gilt für den Vorwurf, moderne Technologien zu verteufeln. Nein, ich mag Technik. Jeder, der gesehen hat, welchen Spieltrieb neue Geräte, Programme oder Gadgets bei mir auslösen, wird das bestätigen. Wie am Anfang dieses kleinen Essays erwähnt ist die Frage: Wo ist die Lust zu schreiben?

 

Und dann kommt im Gespräch oft der Knackpunkt.

 

»Handschriftliches nimmt mir die Lust am Schreiben! Das dauert länger!«

»Ich kann das nicht! So viel Aufwand!«

»Mir geht das nicht schnell genug!«

 

Tempo. Aufwand. Die Sache muss fertig werden. Jetzt. Sofort. Der alte Max Weber hätte hier die durchgreifende Zweckrationalisierung des gesamten Alltages gewittert, den Triumph des Kapitalismus. Ich würde nicht ganz so weit gehen. Es ist ja tatsächlich wichtig Projekte in angemessener Zeit durchzuführen, gerade wenn man die Schriftstellerei als Beruf ausübt. Doch der Bogen kann sich auch überspannen.

 

»Schau, ich habe heute zehntausend Wörter geschrieben!«

»Ich habe im letzten Jahr zehn Kurzgeschichten und zwei Romane veröffentlicht!«

»In zwei Monaten habe ich ein ganzes Epos aus dem Boden gestampft!«

 

Zugegeben, gerade was die Kurzgeschichten anging, war ich selbst einst nicht besser. Dennoch steht mir stets ein Förderband vor Augen, eine Industrieanlage, die eine Geschichte nach der anderen rauspumpt - besonders wenn ich solche Sätze höre oder ein dahinterliegendes Denken offenbar wird. Es klingt weder nach einem selbst reflektierten Schreibprozess, noch klingt es nach einem wild sprühenden Experiment. Und will man nicht irgendwo - je nach eigenem Geschmack! - zwischen diesen beiden Polen landen? Statt Besonnenheit sehe ich meist ein eher besinnungsloses Vorantreiben im eigenen Text. Das ist harsch, aber es ist der Eindruck, der mich immer wieder überkommt (und vielleicht stimmt er ja gar nicht?). Es fällt mir unglaublich schwer, hinter diesem ständigen Gerede über Ergebnisse, Zahlen und Vergleichbarkeiten noch irgendeine Liebe zum Schreiben zu entdecken; es klingt tatsächlich eher, wie die Liebe dazu, etwas geschrieben zu haben. Da geht es gar nicht mehr darum, dass man sich vielleicht mit dem Schreiben schwertut, sondern um das erfolgreich erreichte Ziel.