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Adventasy - Türchen 15: Ruperts erster Kuss

December 15, 2018

Im Kurzroman »Tante Hetty« kämpft der kleine Rupert in einer düsteren Steampunkwelt ums nackte Überleben.

Doch auch Rupert hat ein Recht auf Glück. Heute wird ein guter Tag für ihn, versprochen.

 

Ruperts erster Kuss

 

An dem Tag als Rupert vor ihren Augen hätte sterben können, gab Julia ihm den ersten echten Kuss.

 

An aller Aufregung war ihr gemeinsamer Freund Harry schuld.

Nicht wirklich, denn Harry war der harmloseste Mensch auf der Welt, der jeder im Glas ersoffenen Wespe eine Mund-zu-Mund-Beatmung verpasst hätte, wenn er dazu fähig gewesen wäre. Eher waren die zwei halbwüchsigen Burschen verantwortlich, die sich im Park herumtrieben. Sie machten sich einen Spaß daraus, den offensichtlich geistig behinderten Harry mit kleinen Steinchen vom Weg zu bewerfen und mit Schmähungen zu überschütten. Nichts, was ihr Rupert zugelassen hätte.

Weit und breit war keiner der metallischen Parkwächter zu sehen, die hier für Ordnung sorgten, also stellte er sich zwischen den hilflosen Harry und die beiden Idioten, hob die Hände und sagte: »Lasst ihn in Ruhe! Sucht euch jemanden, der sich wehren kann.«

Die Jungen jedoch hatten Blut geleckt. Sie zielten nun auch auf ihn. Einer der Kiesel traf Harry am Kopf und er heulte laut los. Rupert, der die Geschosse bisher leicht mit den Armen abwehren konnte, tat einen Schritt vor. Der nächste Stein erwischte ihn direkt an der Schläfe. Er fiel um wie tot.

Julia hatte nur stumm zugesehen. Nun stürzte sie panisch zu Rupert und sah nach ihm. Zu ihrer maßlosen Erleichterung blutete er nicht und zwinkerte ihr sogar kurz zu. Er wollte die Burschen also nur erschrecken.

Sie wandte sich an die beiden Übeltäter, die ohnehin reichlich bestürzt aussahen. Für einen Toten würden sie hingerichtet, das wussten selbst diese hirnlosen Schwachköpfe. »Macht die Flatter, ihr Hornochsen, bevor die Metallbullen auftauchen und euch einkassieren«, sagte sie in allerbester Gossensprache. Die Jungs starrten sie nur blöd an.

»Ihr Idioten habt keine Ahnung, wem ihr gerade den Schädel eingeschlagen habt, was? Der Knilch hier ist der Bastard vom Premier. Der mag ja ein Freak sein wie ich, doch sein Alter wird euch den Hintern glatt bis zum Hals aufreißen. Bevor er den Rest von euch vierteilen lässt.«

Mindestens die Hälfte ihrer Behauptungen war schlicht gelogen, aber Julia glaubte schon ewig nicht mehr an Strafen für Flunkereien.

Die Halbstarken sahen sie entsetzt an und rannten davon wie zwei Hasen auf der Flucht vor dem Bräter. Harry, der längst von seinem Leid abgelenkt war, hatte sich wieder dem grazilen Schmetterling aus Metall zugewandt, den er in seiner Riesenpranke hielt und auf dem das Sonnenlicht in allen Farben reflektierte. Sie selbst hatte das kleine Wunderding entworfen und aus winzigen Zahnrädern und Metallfedern zusammengebaut. Sie beugte sich über Rupert und fuhr ihm durch das verstrubbelte Haar. »Du bist so ein naiver Trottel, dich überall einzumischen«, murmelte sie. Er glaubte immer noch an das Gute im Menschen, und daran, das er helfen musste. Genau dafür liebte sie ihn.

Er lächelte sie nur an. Das war der Moment, in dem sie schwach wurde und ihn küsste. So richtig mit Zunge und so. Nicht nur, wie sie es bisher getan hatten. »Das lange Warten hat sich gelohnt«, sagte er, und strahlte sie rundherum glücklich an.

»Für einen eingebildeten Fatzke küsst du nicht mal schlecht«, murmelte sie. Er lachte nur, umarmte sie und schleuderte sie herum, als wären sie noch Kinder und nicht bereits fast siebzehn Jahre. Was störte sie sein Blutschwamm im Gesicht oder ihn ihre doofe Hasenscharte, die sie mittlerweile mit einer selbst konstruierten Metallklammer geschlossen hielt. Wir sind perfekt mit kleinen Fehlern, sagte er immer zu ihr, wenn sie damit anfing, ob Leute wie sie jemals heiraten durften oder sollten.

Als sie dann vom Herumschleudern und Weiterküssen genug hatten, beobachteten sie still, wie Harry ganz vorsichtig den Schmetterling aufzog und fliegen ließ. Begeistert rannte er ihm hinterher, klatschte in die Hände und brüllte dabei seine Freude heraus. Zufrieden mit sich und der Welt hielt sie Ruperts Hand und sagte: »Gib zu, ich bin schon ziemlich genial.«

Rupert nickte nur und gab ihr noch einen Kuss.