Antiwerbung: Was passiert, wenn ich eine Anthologie herausgebe?
- Ingrid Pointecker

- 17. Juli
- 4 Min. Lesezeit

Vor dem Fenster wiegt sich die Botanik im Wind, der Geist der Inspiration gleitet durch die Jalousien ins durchgestylte Schreibzimmer und es versammeln sich Kreative, um eine Anthologie entstehen zu lassen. Beflügelnd, einfach und wunderschön. Wer kennt es nicht?
Bevor dieser Blogpost sich in noch tiefere Niederungen des Zynismus begibt, reden wir Klartext:
Was zum Hölli ist denn eine Herausgeber*innenschaft?
Herausgebende stehen mit ihrem Namen (gemeinsam mit dem Verlag, wenn es kein SP-Werk ist) für die ausgewählten Geschichten und führen diese mit Expertise zusammen, begleiten den gesamten Prozess von Autor*innenauswahl über Textredaktion jeder Art bis hin zum Erscheinen der Anthologie.
Die Feinheiten regelt natürlich auch hier Vertrag (und die Art der Anthologie; manche brauchen zum Beispiel keine Ausschreibung), aber es ist, was es ist - und das kann man mit einem einzigen Wort beschreiben: Projektmanagement.
So, da wir nun den Baum vor dem Fenster umgesäbelt haben, können wir Klartext reden. Ich selbst habe eine Vielzahl an Anthologien herausgegeben und würde zusammenfassen: Es ist - pardon my French - sowohl die beschissenste als auch die schönste Aufgabe der Verlagsbranche (wenn man Kurzgeschichten mag).
Akt 1: Was liegt denn vor?
Als Herausgeber*in hatte ich erst einmal eine Idee. Die packe ich in ein schlüssiges Konzept, nachdem ich idealerweise den Markt etwas beforscht und einen Überblick bekommen habe, ob das, was in meinem Kopf Sinn ergibt, auch gelesen werden will. Dieses Konzept bestimmt auch, ob ich Fixautor*innen anschreibe oder eine Ausschreibung veranstalte (oder ein Mix aus beiden Elementen).

Akt 2: Wie koordiniere ich das?
Nun komme ich nach der Lesungs- und Sichtungsphase raus, habe 300+ Geschichten (oder entsprechend weniger) auf dem Tacho und der Verlag (der eigentlich fürs richtig Unromantische da ist) schickt Ab- und Zusagen sowie Verträge raus. Damit steht auch das gefürchtete Veröffentlichungsdatum, auf das nun alle einig hinarbeiten.
Akt 3: Man reiche mir die Excel-Tabelle!
In einer durchschnittlichen Anthologie tummeln sich zwischen 15 und 20 Geschichten. Dahinter stecken Menschen, die koordiniert werden müssen. Diese Autor*innen haben unterschiedliche Erfahrungen, hoffentlich zwischendrin auch Freizeit, häufig reguläre Jobs neben dem Schreiben und ab und zu auch Bedürfnisse, was Texte angeht. Das bedeutet auch, dass es unterschiedliche Kommunikationsarten und -geschwindigkeiten gibt. Bei mehreren Korrektorats- bzw. Lektoratsdurchgängen heißt das, dass Autor*in X mit drei Mails durch die ganze Angelegenheit durch ist, Autor*in Y knabbert noch am korrekten Finaltitel und Autor*in Z ist irgendwie von der Bildfläche verschwunden. Leute werden krank, Leben ändern sich und alles purzelt durcheinander.
Das sollen übrigens keine Vorwürfe sein, in Projekten ist das völlig normal. Als herausgebende Person bedeutet das aber, dass man herumflitzt wie ein Hütehund auf fünf Espressi und das bei der Bezahlung einer Parkuhr (in einem Land, in dem das Parken quasi nichts kostet).
Akt 4: Was tut denn dann der Verlag eigentlich?
Kurz und knapp: Das Unromantische regeln (ISBN-Vergabe, Kalkulation, Verträge, Marketing je nach Größe, Buchsatz, Cover, E-Book, Messeverkäufe, Buchhandlungen, Onlineshop etc.) und natürlich die Kohle für das Ganze ausgeben. Anthologien sind (gemessen an der reingeflossenen Zeit und Mühe) schweineteure Projekte, die sich nur selten überhaupt refinanzieren (wir hatten das Privileg zum Glück schon einige Male).
Und der Verlag greift ein, wenn Excel versagt, wenn Daten nicht halten, nichts mehr weitergeht. Das sollte aber der Ausnahmefall sein (ist es allerdings nicht).

Akt 5: Mein Name auf dem Buch!
Ein schöner Moment. Gehen wir davon aus, alle haben geliefert, das Buch ist da. Dann beginnt schon das nächste Drama. Wir leben in hyperkapitalistischen Zeiten und ohne Werbung läuft nichts (auch keine schönen Bücher nach diesem Buch, das wir gerade imaginieren).
Und hier fängt der eklige Influencing-Moment an. Als Herausgeber*in/Projektmanager*in muss ich mein Team motivieren. Das erschienene Buch ist erst der Anfang. Nun muss ich schauen, wo die Stärken und Schwächen meines Teams liegen. Wen kann ich auf Lesungen schicken? Hat vielleicht eine Person besonders viel Spaß an bestimmten Social Media-Aktivitäten? Ist jemand aus dem Team sowieso auf einer Messe und kann Bücher mitnehmen?
Das klingt einfach, ist aber ein schmaler Grat zwischen "wheeee, wir haben ein Buch gemacht" und den ekligen "wir brauchen jetzt das Anthologie-Mindset"-Tendenzen.
Eine steile These
Kurzgeschichten fristen im deutschsprachigen Raum auch deswegen ein Schattendasein, weil sie immer noch als das ein bisschen niedliche Geschwisterchen des Romans gelten und dementsprechend den Beigeschmack von "ja, Autor*in steht noch am Anfang, das ist ein Sprungbrettchen" haben. Das ist nicht korrekt. Wir sprechen von einer hochkomplexen Textsorte mit wenig Raum für Geschwafel. Handwerklich ist es äußerst schwierig, Emotionen, Handlung und Begeisterung auf so wenig Raum zu versammeln. Die Kurzgeschichte ist keine hingerotzte (sorry, das ist heute nötig) Schreibübung für langweilige Momente.
Und so sollte sie behandelt werden.

Fazit
Denkt gut darüber nach, wenn ihr euch mit dem Gedanken tragt, eine Anthologie herausgeben zu wollen. Wenn das wirklich funktionieren soll (was es kann), braucht es Struktur, Sitzfleisch und echt gute Nerven, wenn es mal heiß hergeht (und mal ehrlich, das tut es bei 2+ Menschen quasi immer irgendwann). Wir pflanzen den Baum also wieder vor das Fenster, öffnen die Jalousien leicht und pflegen die Ideen ... die dann in eine Excel-Tabelle kommen. Das ist kein Widerspruch.



Kommentare