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Von Ost- bis Westflügel (Oder: Warum früher mehr Lametta war)


Ein großes Anwesen mit mehreren Türmchen, die oberste Etage und manche Fenster sind bunt angemalt, von links nach rechts rot, blau, lila und orange. Ansonsten ist das Gebäude in hellgrauem Stein gehalten und mindestens drei Etagen hoch, wobei man den Boden nicht sieht.
Vielleicht das Verlagsanwesen

Szene 1 - Auftritt Verlegerin. Sanftes Licht macht sich im Ostflügel breit. Auf einer Chaiselougue hat sich die Verlegerin drapiert, blätternd in Manuskriptseiten. Den nächsten Bestseller zu Füßen wandert ihr Blick zum Buntglasfenster, im Garten eine Trauerweide, Inspiration für den #IndieBookDay.


Verlegerin: Nie war es schöner, Bücher zu machen. Nie war ich freier von den Zwängen des Kapitals. Nie schmeckte der Tee besser. Was machen wir zum #IndieBookDay?


Ein Poltern im Westflügel. Die Putten am Fuß der Treppe wenden erschrocken das Haupt. Der Verlegerin fällt das Monokel in den Tee.


Ein zerzaustes Wesen taucht aus dem Westflügel auf, vage noch als Mensch erkennbar, oder vielleicht doch nur eine Sammlung aus zusammengewürfelten Kleidungsstücken, unfertigen Social-Media-Beiträgen und Lektoratsseiten, mühsam zusammengehalten von Kaffeeflecken? In einer zittrigen Hand hält es die Tasse, die vermutlich für einige der Flecken verantwortlich ist.


Wesen: Aus, alles ist aus. Der letzte Post hat erneut eine Person weniger erreicht als zuvor. Wir sind am Ende. All die Müh!


Es sackt theatralisch zu Boden und hätte beinahe noch alles in seiner Umgebung genauso mit Kaffee übergossen wie sich selbst.


Verlegerin: Potzblitz!


Steht das Monokel aus dem Earl Grey klaubend auf, durchschreitet den Salon, um eine sanft-tröstende Hand dem Westflügel-Wesen entgegenzustrecken.


Verlegerin: Aber nicht doch, es wurden doch Bücher gekauft. Es wurden gar Klinken geputzt und dem Buchhandel wurde die Aufwartung gemacht. Was bewegt denn so sehr? KUNIGUNDE, DAS RIECHSALZ!


Eine der Putten am Fuß der Treppe löst sich plötzlich und eilt davon. Aus dem Häufchen am Boden kommt allerdings schon eine piepsige Stimme. Wesen: Aber das Internet verlangt nach mehr. Nach etwas, das ich nicht zu geben vermag - oder nicht weiß, dass es erwartet wird.


Ein wortloses Wimmern folgt. Dann löst sich eine Hand aus dem kleinen Berg am Boden und greift nach dem Kaffee, der in irgendeinem verborgenen Loch verschwindet und eine leere Tasse zurücklässt. Gleichzeitig kommt Kunigunde mit einer kleinen Phiole angelaufen und sieht, dass sie doch nicht benötigt wird. Etwas schmollend zieht sie sich zu ihrer Position in der Treppe zurück.



Vor einem Holzhaus stehen ein Mann in weißer, langer Hose und weißem Hemd und eine Frau in dunkler, kurzer Hose und dunklem Hemd nebeneinander und boxen, wobei ihre Hände nur wie im Schlag an einander liegen. Das Bild besteht nur aus Grautönen und beide wirken in ihrer Kleidung und Frisur durchaus historisch.
Rechts im Bild der Verlag, links der umkämpfte Buchmarkt (TM) - Dramatisierung

Szene 2 - Unendliche Weiten. Wir sehen eine Buchmarktlandschaft von oben, der Verlagszeppelin kreist. Neben Schmetterlingen und Rosenduft sind auch Explosionen zu sehen und zu spüren. Schreiduelle hallen durch die Lüfte.


Social Media: Kauft mein Buch!


Der Markt (TM): Schreibt mehr Bücher!


Die Lesenden (auf einer Wiese, etwas abseits des Geschehens): Das ist zu viel. Ist das Moby Dick im Regal? Habe ich schon lange nicht mehr gelesen.


Auf einer Leiter lässt sich Kunigunde vom Zeppelin hinab und beobachtet das Geschehen um sie herum. Niemand scheint sie zu bemerken, sie aber schreibt eifrig mit. Dann huscht sie zu Moby Dick und nimmt es heimlich aus dem Umschlag, um es durch "Im Schatten des Leviathans" zu ersetzen.


Die Lesenden: Ähnlich wie ... Inspiriert von ... Als ob wir immer wieder das Gleiche kaufen wollen würden. Irgendwer hat nun wohl zum vermeintlichen Moby Dick gegriffen.


Die Lesenden: Und jetzt auch noch Etikettenschwindel ... Moment ...


Eifriges Geblätter.


Die Lesenden: Jetzt seid doch mal still, wir versuchen, zu lesen.


Ein langer Zeppelin mit "Norge" auf dem Rumpf, steht vertäut auf einer Wiese. Davor sieht man Menschen im Gras liegen und stehen.
Liefertag im Verlag - Dramatisierung




1 Kommentar


Barrie Villareal
Barrie Villareal
vor 3 Tagen

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