Disability Pride Month und die Suche nach der Joy
- Birgit Schwäbe

- 1. Juli
- 3 Min. Lesezeit

Es ist Disability Pride Month und ich hadere.
Ich bin im Verlag neben KorrLektorat vor allem für Social Media zuständig, auch wenn ich das nicht alleine mache. Und damit auch dafür, den Disability Pride Month (so wie auch den Pride Month im Juni) umzusetzen – wobei mir unsere Autor*innen da jedes Jahr wieder helfen, oft viel bessere Ideen haben als ich, und teilweise ganze Videos selbst beisteuern, wenn ihre Zeit und Kraft es zulässt. Vielen, vielen Dank dafür!
Aber ich merke auch, dass die Kraft weniger wird. Bei unseren Autor*innen ebenso wie bei mir. Und für die beiden Monate kommen ja auch zusätzliche Herausforderungen dazu. Wir wollen zeigen, dass viele unserer Autor*innen und Teile unserer Bücher zur Community gehören, aber dabei nicht in nervige Werbung reinkippen. Und gleichzeitig nicht nur wieder das Gleiche posten wie im Jahr davor – denn die Beiträge könnt ihr mit etwas Scrollen auch selbst finden, das bietet keinen Mehrwert.
Beim Pride Month kam dann die zündende Idee doch noch durch die Menschen, die in den letzten Monaten Beiträge dazu gemacht haben, dass in einer Welt, die gegen einen ist, schon Glücklichsein eine Form von Widerstand darstellt. Und so kamen wir dazu, uns dieses Jahr auf Queer Joy zu fokussieren.
Ab wann ist es (hier Marginalisierung einsetzen) Joy?

Bei Queer Joy war die Überlegung, was man nehmen kann, noch relativ leicht. Wobei man sagen muss, dass unsere gewählten Szenen alle romantische oder sexuelle Liebe und deren schöne, euphorische Phasen zentrieren. Denn während zum Beispiel Pina Parasol aus „Die Abenteuer von Pina Parasol“ aroace und oft genug Fröhlichkeit auf zwei Beinen ist, findet sich da keine Szene, in der ihre Freude plakativ queer ist, so, dass es, ohne das Buch komplett zu lesen, sichtbar ist, dass sie queer ist.
Aber wie macht man das bei Behinderung? Da wüsste ich, als selbst behinderter Mensch, nicht einmal, was ich im realen Leben unter dem Begriff verwenden würde.
Die ausgiebigste Freude im Leben hatte ich zum Beispiel, als das Antiquariat in der nächsten Stadt eine ganze Reihe alter Star Trek-Romane verkaufte und ich SIEBZIG Romane für zwanzig Euro bekam. Ja, da war ich glücklich, albern glücklich. Aber dieses Glück bezog sich ja nicht auf meine Behinderung, die hatte keinerlei Anteil daran, weder im positiven noch im negativen Sinne. Damit wäre es für mich nicht Disabled Joy. Das würde mich ja auf meine Behinderungen reduzieren. (Auch wenn es vielleicht auch schon ein radikaler Akt ist, weswegen auch immer glücklich zu sein, während man nun einmal behindert ist, wenn man bedenkt, wie viele Menschen einem die Behinderung absprechen wollen, nur, weil man auf ein Konzert gehen kann, oder sich die Haare färbt.)

Und für Social Media-Beiträge wird es noch schwieriger, denn da muss die Behinderung oder chronische Krankheit im selben Zitat sichtbar sein, wie die Freude, um ohne zusätzlichen Kontext wirken zu können. In einem ohnehin sehr verkürzten Medium, das von vielen Menschen noch einmal gekürzt wird (Caption nicht gelesen, nur vorbeigescrollt; ohne das zu verurteilen), in das wir noch längere Medien (Bücher) hineinkürzen müssen - ein Ding der Unmöglichkeit.
Dabei haben wir Charaktere wie – erneut – Pina Parasol, die vor Lebensfreude, Abenteuerlust und Optimismus nur so sprüht und eine Armprothese nutzt. In meiner eigenen Kurzgeschichte in „Zu den Wurzeln“ darf sich in einer Szene ein junges Mädchen – ebenfalls mit einer Prothese – einen Baum aussuchen und läuft begeistert über die Wiese der Baumschule. Es gibt diese Szenen. Aber selbst, wenn Behinderung und Freude im gleichen Absatz auftauchen, ist das dann schon Disabled Joy? Und weckt das die gleichen Emotionen bei Betroffenen wie bei den Szenen zu Queer Joy?
Für mich persönlich nicht. Aber vielleicht bin ich auch zu kritisch.
Und so ist nun schon Disability Pride Month und ich will laut sein, will, dass der Verlag laut ist. Für mich selbst und für die vielen Betroffenen unter unseren Schreibenden und Lesenden. Für die möglichen Schreibenden da draußen, weil Behinderung immer noch mit geringerem Zugang zum Buchmarkt einhergeht und sich das nicht von alleine ändert.
Stattdessen sitze ich hier und hadere.



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